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Blockierte Trauer – was dazu führen kann, dass du in der Trauer feststeckst

Das Gefühl, Trauer nicht verarbeiten zu können und niemals darüber hinweg zu kommen, haben viele Menschen kurz nach dem Tod eines nahestehenden Menschen. Die mutmachende Nachricht ist, dass Trauer ein ganz natürlicher Prozess ist, der in den meisten Fällen den Schmerz Stück für Stück leichter werden lässt. Die Art, Intensität und Dauer von Trauer ist höchst individuell und von ganz vielen Faktoren abhängig. Pathologisch ist Trauer in der Regel nicht. In einigen Fällen kann es jedoch sein, dass der intensive Schmerz sehr lange anhält und man nicht so recht ins Leben zurück findet. Ich habe hier die 6 wichtigsten Gründe für dich zusammengefasst in der Hoffnung, dass dir das Wissen weiter hilft egal an welcher Stelle in deiner Trauer du gerade stehst.

1. Wut auf die verstorbene Person

Wut ist ein total normales Gefühl im Rahmen von Trauer. Meist geht es um das Gefühl, im Stich bzw. allein gelassen worden zu sein. Es ist ein Zeichen der Enttäuschung. Auch Wut auf das Schicksal, Gott oder andere Menschen, die im Gegensatz zum Verstorbenen noch am Leben sind, kann phasenweise auftreten. Problematisch kann es werden, wenn Wut das dominierende Gefühl bleibt oder aber auch wenn ein Schuldgefühl verbietet, Wut zu spüren. Manchmal versteckt sich hinter der Wut auch eine Angst vor der Trauer. Die ganze Bandbreite an Gefühlen nicht zulassen zu können, kann zu einer verlängerten Trauer führen.

2. Schuldgefühle nach dem Verlust

Ähnlich verhält es sich mit dem häufig verspürten Gefühl von Schuld. Dazu zählen zum Beispiel Selbstvorwürfe, weil man etwas bestimmtes (nicht) gesagt oder getan hat, als die Person noch am Leben war. Oder weil man sich irgendwie (mit)verantwortlich für den Tod fühlt. Oder das Gefühl hat, die Beziehung zu Lebzeiten zu wenig wert geschätzt zu haben. Ebenso kann ein schlechtes Gewissen, wenn man nach dem Tod wieder Freude empfindet oder lacht, typisch sein. Schuldgefühle sind häufig sehr intensiv und ganz gerne mal immun gegen widersprechende Meinungen von Anderen. Das Gefühl kommt meiner Erfahrung nach so häufig vor, dass ich einen extra Blogartikel dazu verfasst habe. Quält dich insbesondere ein Gefühl von Schuld, kannst du hier weiterlesen.

3. Den Verlust nicht wahrhaben wollen

Ein weiterer Grund, Trauer nicht oder nur schwer verarbeiten zu können, ist eine mangelnde Akzeptanz. Auch hier gilt, dass das phasenweise ganz normal ist. Besonders am Anfang ist der Gedanke von „Das kann nicht sein“, „Das ist nicht wahr“, „Das lasse ich nicht zu“ ganz häufig. Wenn das nicht akzeptieren bzw. nicht wahr haben wollen, jedoch dauerhaft anhält, kann es dazu führen, dass der normale Trauerprozess blockiert wird. Häufig liegt das daran, dass man mit der Akzeptanz ein Loslassen bzw. Vergessen der Person verbindet. Das kann sich wie ein Verrat an der geliebten Person anfühlen. Die Gefühle von Trauer und Verlassenheit, die für letztliche Akzeptanz notwendig sind, werden eher vermieden, weil man glaubt, diese nicht ertragen zu können.

4. Der Trauer zu wenig Raum geben

Um es nochmal zu sagen: Trauer ist individuell. Manche leiden sehr und bringen ihre Trauer stark zum Ausdruck. Andere tun dies punktuell und erleben ihre Trauer zurück gezogen für sich alleine bzw. verarbeiten sie schneller. Das alles kann ganz normal sein. Es sollte kein Grund sein, sich schuldig zu fühlen, weil man z.B. weniger zu trauern scheint nach dem Verlust der Mutter als die Schwester/der Bruder. Schwierig kann es aber werden, wenn die Trauer (bewusst oder unbewusst) vermieden wird, weil man Angst hat, überflutet zu werden oder nicht mehr zu funktionieren. Vermeidungsstrategien können ganz unterschiedlich aussehen: Aktionismus, Alkohol, stundenlanges Fernsehen,…. Auch ein sehr vermeidendes Umfeld, das scheinbar schnell wieder zur Tagesordnung übergeht, kann dazu führen, dass die Trauer zu wenig Platz bekommt. Das Gefühl der Trauer hat aber schon rein evolutionär gesehen, die Funktion, einen Verlust zu verarbeiten und wieder ins Leben zurück zu finden. Wenn sie also nicht den Raum bekommt, den sie braucht, kann sie auch nicht ihren Sinn erfüllen. Es können andere psychische oder organische Symptome in der Folge entstehen.

5. Es konnte kein Abschied stattfinden

Der Eindruck, sich nicht oder nicht richtig beim Verstorbenen verabschiedet zu haben, ist eine häufige Blockade. Es wirkt dann, als ob ein entscheidendes Puzzelstück fehlt, Schuldgefühle können entstehen (s.o.) und die Sehnsucht kann sich noch quälender anfühlen. Dieses Gefühl kann dadurch entstehen, weil man kurz vor dem Tod nicht mehr im Krankenhaus war, beim Tod nicht dabei war, die Beerdigung nicht besuchen konnte oder wollte oder auch der Tod ganz plötzlich und unerwartet kam. Für viele Menschen ist es besonders für die Akzeptanz des Verlusts hilfreich, die verstorbene Person nochmal zu sehen und den Leichnam evt. auch zu berühren.

6. Unerledigtes konnte nicht mehr geklärt werden

Trauer verläuft meist natürlicher, je weniger verstrickt, kompliziert und konfliktbeladen die Beziehung zum Verstorbenen war. Damit meine ich nicht weniger schmerzhaft, sondern weniger blockiert. Je positiver und inniger die Beziehung war, umso eher trägt man die guten Absichten der verstorbenen Person für das eigene Leben in sich und kann sich einfacher, auch wieder den postiven Aspekten des Lebens zu wenden. Ausnahmen hier bilden natürlich besonders tragische oder traumatische Todesfälle (z.B. Tod des Kindes). Wenn jedoch viele „alte Geschichten“, ungelöste Konflikte oder auch einseitige Erwartungen vor dem Tod nicht mehr geklärt werden konnten, können Schuld, Scham oder auch Wut den Trauerprozess erschweren. Auch unsichere Beziehungen und/oder extreme Abhängigkeiten bzw. sehr symbiotische Beziehungen können zu starken Verlassenheitsgefühlen führen.

Was in diesen Fällen helfen kann, blockierte Trauer zu lösen

Solltest du das Gefühl haben, dass deine Trauer blockiert ist, wende dich zunächst an andere. Hole dir neue Perspektiven ein. In Selbsthilfegruppen bzw. Trauerbewältigungsgruppen werden dir Menschen begegnen, die ganz ähnliche Gefühle haben. So kannst du dich endlich verstanden und nicht mehr so alleine fühlen. Solltest du den Eindruck haben, dass sich aufgrund deiner Trauer andere Symptome entwickelt haben oder du dich fragst, ob deine Trauer „noch normal“ ist, hole dir eine professionelle Einschätzung z.B. durch deinen Hausarzt. Dieser Blogartikel von mir beschäftigt sich mit dem Unterschied von Trauer und Depression. Vielleicht kommt für dich eine professionelle Trauerbegleitung oder Psychotherapie in Frage. In meinen Beratungen wende ich u.a. eine aus der Traumatherapie bekannten Technik (IRRT) an. Mit dieser Methode lösen wir gemeinsam über Imaginationen hinderliche Gefühle auf, fördern funktionale Emotionen und ermöglichen dir alternative Sichtweisen. Welcher Weg auch immer für die in Frage kommt: ich bin überzeugt, dass es Möglichkeiten gibt, dich in deiner Trauer zu unterstützen. Ich möchte dir sagen: du musst da nicht alleine durch! Hier kannst du zu mir Kontakt aufnehmen.

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