Was wenn da nicht nichts kommt? Tröstliche Gedankenanstöße zu dem Thema Leben nach dem Tod.
Für den Tod gibt es keine Landkarte. Aber es gibt Geschichten, Erfahrungen, Spuren. Und manchmal auch Trost.
Ich sitze oft mit Menschen zusammen, die jemanden verloren haben. In diesen Trauerbegleitungen geht es nicht nur um das Hier und Jetzt, sondern ganz oft auch um das Danach. Was passiert, wenn wir sterben? Wo geht die Seele hin? Ist da etwas? Oder einfach nichts?
Ich finde, das sind keine „spirituellen Spinnerfragen“. Das sind ganz normale, sehr menschliche Fragen. Fragen, die sich trauernde Menschen stellen, aber auch solche, die gerade einfach leben und irgendwann nachts wach liegen.
Der Tod ist für uns total abstrakt. Der Verstand kann die Konsequenz des Sterbens nicht erfassen oder begreifen. Gerade deshalb möchte ich dich ermuntern, „outside the box“ zu denken.
Ich spreche aus Erfahrung, weil auch ich als wissenschaftlich ausgebildete Psychologin an der Uni lange Zeit eher pragmatisch gedacht habe. Bis ich mich intensiv mit meinen Fragen beschäftigt habe.
Eine Frau, die sich dem was nach dem Tod kommt auf eine beeindruckend klare und liebevolle Art gewidmet hat, ist die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross. Ihr Buch „Leben nach dem Tod“ ist kein theologisches Werk und kein Ratgeber. Es ist eher so wie ein ruhiges Gespräch mit einer Frau, die vielen Menschen beim Sterben zur Seite stand und ihre Erfahrungen nieder geschrieben hat.
Ich möchte dir im folgenden ein paar Gedankenanstöße zum Leben nach dem Tod mit geben, die ich als hilfreich und tröstlich empfunden habe.
Der Tod als Übergang, nicht als Ende
Kübler-Ross und ihre Kolleg*innen haben mit Sterbenden gesprochen. Mit Kindern, mit alten Menschen, mit Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen wurden. Insbesondere auch mit Personen, die so genannte Nahtoderfahrungen gemacht haben. Deren Körper schon dabei war, „sich abzuschalten“ und die dann aber doch überlebten. Sie haben diese Gespräche ausgewertet und auf gemeinsame Nenner gebracht.
Immer wieder haben sie Ähnliches gehört: Geschichten von Licht, von Liebe, von einem Gefühl tiefen Friedens.
Ob man das nun als Nahtoderfahrung, spirituelle Reise oder einfach als Trostbild sieht, es berührt uns. Genauer gesagt unseren Wunsch zu glauben, dass der Tod eben kein Auslöschen ist, sondern ein Übergang. So, als würde man einen Raum verlassen und in einen anderen gehen. Wir wissen nur nicht, wie dieser neue Raum aussieht.
In der Physik gibt es dazu sogar ein Gesetz: Energie geht nicht verloren.
Der Energieerhaltungssatz sagt: Energie kann weder erschaffen noch vernichtet werden, sie kann nur von einer Form in eine andere umgewandelt werden.
Auf den Menschen bezogen bedeutet das:
Wenn ein Mensch stirbt, verschwindet die chemische Energie nicht einfach.
Sie wird umgewandelt, z. B. in Wärme, in chemische Energie für Mikroorganismen oder langfristig in Nährstoffe im Kreislauf der Natur.
Wie ein Schmetterling aus dem Kokon
Eine der schönsten Metaphern, die Kübler-Ross verwendet, ist die vom Schmetterling. Sie beschreibt unser Leben hier als einen Kokon. In diesem Kokon wachsen wir, lernen, lieben, verlieren, fallen und stehen wieder auf. Wir entwickeln unsere Seele, auch wenn uns das oft nicht bewusst ist. Es ist also eine ganz wichtige Phase, die unsere Seele prägt und auch unser Sterben bestimmt.
Der Tod ist in ihrer Sicht der Moment, in dem wir ausschlüpfen. Wir werden zu etwas, das größer ist als unser begrenzter Körper. So wie der Schmetterling keine Angst hat, den Kokon zu verlassen, sondern seinem natürlichen Weg folgt, dürfen auch wir vertrauen, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern ein Weitergehen in eine neue Form des Seins.
Ein anderes Bild, das ich sehr passend finde und gerne in meinen Trauerbegleitungen nutze, stammt von Mechthild Schroeter-Rupieper. Dabei male ich ein Gesicht auf die Innenfläche meiner Hand, darüber ziehe ich einen durchsichtigen Plastikhandschuh. Die Hand mit dem Gesicht steht für das Leben/ die Seele in uns, der Handschuh für unseren Körper. Bevor wir geboren werden, müssen wir den Handschuh anziehen, um überhaupt auf der Erde leben zu können.
Das Gesicht, also das Leben, sieht man durch den Handschuh und durch die Hand wird der Handschuh „lebendig“. Wenn wir sterben, ziehen wir wieder aus dem Körper/dem Handschuh aus. Er ist jetzt nur noch eine leere, labbrige Hülle. Das Leben zieht an einen anderen Ort, den wir erst kennenlernen, wenn wir auch gestorben sind.
Das Leben ist vielleicht gar nicht der ganze Weg, sondern nur der Anfang oder eine Zwischenstation, die die Seele in uns formt.
Warum wir Angst vor dem Tod haben
Viele Menschen haben Angst vor dem Tod. Auch das ist menschlich. Aber Kübler-Ross sagt: Die Angst richtet sich oft gar nicht auf den Tod selbst, sondern auf das Unbekannte. Auf das Loslassen. Auf den Kontrollverlust. Auf die Vorstellung, dass da vielleicht nichts mehr kommt.
Manche fürchten sich auch vor dem Schmerz, dem Alleinsein oder davor, die Menschen, die sie lieben, zurückzulassen.
Was helfen kann, ist, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen. Nicht aus Grübelei heraus, sondern aus dem Wunsch, das Leben in seiner ganzen Tiefe zu verstehen. Man kann sich vorbereiten: z.B. Wünsche für das eigene Sterben und die Trauerfeier schriftlich festlegen und den Lieben mitteilen. Denn Sterben ist kein Unfall im System Leben. Der Tod gehört dazu zum Leben.
Wenn wir anfangen, über den Tod zu sprechen, ihn als natürlichen Übergang zu betrachten, dann verliert er einen Teil seines Schreckens. Und in dieser Auseinandersetzung liegt oft schon ein Stück Trost.
Das Licht am Ende des Tunnels – und was Menschen darüber erzählen
Viele Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, berichten von ähnlichen Dingen. Frau Kübler-Ross hat viele solcher Erzählungen gesammelt. Immer wieder hört man von einem Gefühl des Friedens, von Licht, von Geborgenheit.
Und etwas fällt auf: Viele wollen gar nicht unbedingt zurück ins Leben. Sie erzählen, dass sie sich dort völlig heil fühlten. Ohne Schmerz. Frei. Sie konnten z.B. plötzlich wieder laufen, wenn sie vorher bettlägrig waren.
Einige wurden von geliebten Verstorbenen empfangen. Geliebte Menschen, die bereits „vorausgegangen“ waren, wurden gesehen. Andere waren einfach in einem Zustand, der sich anfühlte wie Zuhause.
Kübler-Ross führt hierzu auch einige Argumentationsketten an, die zeigen sollen, dass man diese Erfahrungen nicht einfach als Halluzinationen kurz vor dem Sterben abtun kann. So berichteten Unfallopfer mit Nahtoderfahrung, dass sie genau die Menschen sahen, die beim selben Unfall direkt gestorben waren (obwohl sie um deren Tod zum Zeitpunkt des eigenen Beinahe Todes noch gar nicht wussten).
Diese Berichte mögen unglaublich klingen, aber sie zeigen etwas Wichtiges. Der Tod wird nicht als kalt, dunkel oder grausam erlebt, sondern als etwas, das sich erstaunlich vertraut anfühlt.
Der Tod als Heimkommen
Elisabeth Kübler-Ross war Ärztin. Sie hat viel Leid gesehen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, hat sie den Tod nicht als das große Nichts verstanden, sondern als eine Rückkehr zu etwas, das wir längst kennen.
Sie spricht nicht von festen Bildern oder religiösen Symbolen. Sondern von Licht, von Wärme, von Liebe. Von einem Gefühl, wieder ganz und geborgen zu sein. Viele der Menschen, die „zurückkamen“, berichteten, dass sie sich nach dieser Erfahrung nie mehr vor dem Tod fürchteten.
Diese Sichtweise kann tröstlich sein. Nicht, weil sie verspricht, dass alles gut wird. Sondern weil sie uns erlaubt, über den Tod anders nachzudenken. Vielleicht nicht als etwas, das wegnimmt, sondern wieder mit etwas verbindet.
Liest sich vielleicht alles etwas abgefahren, aber inzwischen bin ich davon überzeugt, dass da was dran ist.
In meiner Arbeit: Zwischen Wissen, Vertrauen und dem Vielleicht
In meiner Trauerbegleitung stelle ich oft die Frage:
„Was ist deine Vorstellung vom Danach?“
Manche antworten mit einem klaren Bild, andere mit einem Schulterzucken. Viele sagen einfach: „Ich wünschte, ich wüsste es.“ Genau an diesem Punkt kann ein wertvoller Raum entstehen.
Wenn jemand überzeugt ist, dass danach nichts kommt, ist das völlig in Ordnung. Ich biete dann behutsam etwas an. Nicht, um zu überreden, sondern um zu öffnen. Manchmal hilft schon ein Gedanke, der Trost geben könnte.
Unsere Sichtweise ist oft stark naturwissenschaftlich geprägt. Meine ja – wie bereits erwähnt – auch. Wir möchten gerne Dinge beweisen können. Aber niemand von uns hat den Tod je erlebt. Wir alle sterben zum ersten Mal. Und genau deshalb darf es auch Platz geben für Vertrauen, für Intuition, für ein inneres Wissen, das nicht messbar sein muss.
Es braucht keinen festen Glauben. Obwohl ein persönlicher Glaube hilfreich sein kann. Es reicht oft schon, sich die Erlaubnis zu geben, dass da vielleicht mehr ist. Mehr als wir wissen. Mehr als wir und alle Wissenschaftler der Welt erklären können.
Ich habe erlebt, dass dieser Gedanke oft etwas löst. Dass plötzlich wieder mehr Luft da ist. Und manchmal auch ein kleines Lächeln, mitten in der Trauer.
Hier noch ein letztes Bild bzw. Zitat (von Charles Henry Brent), das sich auch schön für Trauerkarten eignet:
Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte, wie es am Horizont verschwindet.
Jemand an meiner Seite sagt: „Es ist verschwunden.“
Verschwunden wohin?
Verschwunden aus meinem Blickfeld – das ist alles.
Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war, als ich es gesehen habe.
Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus meinen Augen verschwindet ist in mir,
es hat mit dem Schiff nichts zu tun.
Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere, die es kommen sehen, und andere Stimmen, die freudig aufschreien:
„Da kommt es!“
Das ist sterben.
Wenn du magst, schreib mir
Wenn du gerade jemanden verloren hast oder selbst über das Danach nachdenkst, musst du damit nicht allein sein. Manchmal hilft es schon, die Gedanken auszusprechen oder sie mit jemandem zu sortieren, der einfach nur zuhört.
Ich bin gerne für dich da.
Wenn du dich noch nicht bereit fühlst oder unsicher bist, melde dich doch erstmal für meinen Newsletter an und verpasst keine neuen Infos und Angebote.

Ich bin Sabine, Psychologin und psychologische Psychotherapeutin – und begleite Menschen durch herausfordernde Lebensphasen.
Ob Trauer, Krise oder einfach das Gefühl, festzustecken: In meiner Beratung geht es darum, gut mit dem umzugehen, was gerade ist.


Liebe Sabine,
Ihre Betrachtungen zu Elisabeth Kübler-Ross berühren das Herz der menschlichen Erfahrung. Die Metapher des Schmetterlings erinnert uns daran, dass Transformation das Wesen unserer Existenz ist – nicht nur am Ende, sondern in jedem Moment des Loslassens.
Besonders bewegt mich Ihr Ansatz, Raum für das „Vielleicht“ zu schaffen. Zwischen Wissen und Vertrauen liegt oft die tiefste Weisheit. Das Bild vom Schiff am Horizont spricht zu etwas in uns, das bereits weiß: Nichts geht verloren, es wandelt nur seine Form.
Danke für diese sanfte Einladung, dem Unbekannten mit offenem Herzen zu begegnen.
Herzliche Grüße
Rainer Schwenkkraus
Lieber Rainer,
vielen Dank für Ihr Feedback und die wertvollen Gedanken dazu. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Sehr schön finde ich die Ergänzung, dass in jedem Übergang, also in ganz vielen Herausforderungen im Leben, eine Entwicklung steckt, welche Schönes hevorbringen kann, auch wenn sie sehr anstrengend ist.
Herzliche Grüße zurück
Sabine